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ERINNERUNG DER ZUKUNFT WEGEN

Zur Motivation, die Zwangsschule für jüdische Kinder aus der Vergessenheit zu holen, siehe Interview von Prof. Fischbach mit Rosita Dienst-Demuth.

 

 

ERINNERUNG HILFT UNS BEI UNSEREM HANDELN IN DER GEGENWART

In der Abschlussveranstaltung zur Ausstellung „Nationalsozialismus in Freiburg“ am 7.10.2017 im Augustinermuseum Freiburg - „Gemeinschaftsschädlinge“ sind „auszumerzen“ - erläuterte Heiko Haumann, Prof. em., Departement Geschichte, Universität Basel, auch die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit.

Hier ein Auszug:

 „ …Warum ist es so wichtig, die Geschichte des Nationalsozialismus – wie auch alle anderen historischen Themen – gegenwärtig, präsent, zu machen, damit zu „re-präsentieren“ und vom historischen Wissen in unseren Erinnerungsbestand zu überführen? Schauen wir uns die Verhaltensweisen von Menschen im „Dritten Reich“ an, so fällt auf, dass es nicht nur das aktive Mitmachen und Denunzieren, das Widerstehen oder das Helfen im Grenzbereich gab. Viel häufiger ist Schweigen, Zuschauen und gehorsames Ausführen auch verbrecherischer Befehle kennzeichnend, ohne den Mut zum Eingreifen. Das ist verständlich unter dem Druck des Regimes. In der Nachkriegszeit legte sich dann vielfach ein Panzer um die Erinnerung an das Geschehen in den Jahren davor. Es war schmerzlich, an diese Zeit mit ihren vielen Opfern, aber auch an das eigene Verhalten erinnert zu werden. Man schwieg, vergaß und verdrängte. Doch die Vergangenheit holte einen immer wieder ein, ohne offene Auseinandersetzung mit ihr konnte man sich nicht von dieser Last befreien. Das Verdrängte, das im Panzer Eingeschlossene war und ist im Gegenteil dafür anfällig, sich zu wiederholen, auch in den folgenden Generationen. Ein Beispiel: Als nach 1945 die Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten hierher zogen, war man verständlicherweise nicht erfreut, weil hier selbst höchste Not herrschte und es zu einer Konkurrenz des Leidens kam. Aber man tat sich noch aus einem anderen Grund schwer zu helfen: Dann hätte man zugeben müssen, dass man selbst mitverantwortlich war für die Verbrechen des „Dritten Reiches“, die nun das Leid der Vertriebenen zur Folge hatte – und das ließ der „Panzer des Vergessens“ nicht zu. Deshalb schwieg man wieder und hielt sich entfernt.

Um diesen „Panzer“ aufzubrechen, müssen die Mechanismen des Verhaltens im „Dritten Reich“ differenziert aufgearbeitet werden. Dies erweitert unseren „Horizont“, eröffnet uns Perspektiven auf neue Erfahrungswelten, wirkt auf unsere Wertvorstellungen ein und kann ermutigen, sich für ähnliche Situationen, in denen statt Schweigen eingreifendes Handeln gefordert ist, stark zu machen. Selbstverständlich ist das keine Garantie, dass wir dann, wenn es notwendig wäre, auch stark genug sind, aber es ist immerhin eine wichtige Voraussetzung. Wenn wir uns mit Alternativen des Verhaltens der Menschen im Nationalsozialismus beschäftigen – wozu die Art der Darbietung in dieser Ausstellung anregt, dasselbe gilt aber auch für andere historische Konfliktkonstellationen –, führen wir ein „Probehandeln“ durch, wie ich es genannt habe. Das ist mit emotionalen Vorgängen in uns verbunden und verstärkt deshalb einen Prozess, der dieses „Probehandeln“ in unserem Gedächtnis verankert. In der Erinnerung wird die Vergangenheit dann „rekonstruiert“.

Damit ist eine gewisse Gewähr gegeben, dass die Ergebnisse unseres „Probehandelns“ zur Verfügung stehen, wenn es erforderlich sein sollte. Die neurowissenschaftliche Gedächtnis- und Erinnerungsforschung hat herausgefunden, dass Erinnerung unser Handeln erheblich beeinflusst. Namentlich in Situationen, die schnelle Entscheidungen notwendig machen, übermitteln die in unserem Gedächtnis gespeicherten Erinnerungen Vorgaben für unser Verhalten. Ähnliches gilt für die Beschäftigung mit den Hintergründen, Ursachen und Vorgeschichten der Geschehnisse im „Dritten Reich“ wie in anderen Perioden: Dies hilft uns bei unserem Handeln in der Gegenwart.

Erinnerung als bewusste Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat somit eine hohe Relevanz für uns persönlich. Sie ist für uns lebensnotwendig und gehört zu unserer Identität – so wie wir unsere Erinnerung brauchen, um uns im Leben zu orientieren oder um zu wissen, was wir täglich tun müssen, angefangen vom Waschen und Zähneputzen, Frühstücken und zum Arbeitsplatz Gehen. Die Erinnerung verarbeitet unser Wissen und unsere Erfahrungen, sie prägt unsere Werte.

Primo Levi, der das Konzentrationslager Auschwitz überlebte, hat als Kern seiner Zeugenschaft in zahlreichen Publikationen den Satz geprägt: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.“ Deshalb: wir und unsere Nachfahren müssen wissen, was möglich war und folglich wieder möglich sein kann.“